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Dresdner Blätt´l 16. Jahrgang

Ausgabe 18/2005 vom 18. November 2005

 

Frühklassizismus in Dresden

Etwas Nobles, aber ohne überflüssige Zierraten.

Von Dr. Manfred Scholze

Mit dem Tode August des Starken 1733 starb auch die Dresdner Barockarchitektur. In den Dreißigerjahren und später, vor allem nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) errichteten solche Baumeister wie Johann Christoph Knöfel, Julius Heinrich Schwarze und Friedrich August Krubsacius Bürgerhäuser und Paläste, die ohne die Fülle barocken Dekors (Zwinger) auskamen und in ihren Fassaden schlichte Proportionen erkennen ließen.


Das sogenannte Palais Hoym, ursprünglich 1739 für den Oberstallmeister von Brühl durch Johann Christoph Knöffler erbaut, nach dem Siebenjährigen Krieg 1766 durch Friedrich August Krubsacius wiedererrichtet.


Knöfel stellte 1729/30 das ausgebrannte Wackerbart’sche Palais, das sogenannte Kurländer Palais wieder her und gliederte es durch Lisenen1), die die dreiachsige Fensterfront strukturierten. Ein Mittelrisalit2) mit an griechische Tempel erinnernden Dreiecksgiebel, ein Balkon unter den Mittelfenstern gab dem ganzen Portikus Noblesse.

Fassade der Ruine des „Kurländer Palais“. 1729/30 von Johann Christoph Knöfel errichtet. Solcherart Bauen, das auch bei den Bürgerhäusern rund um die Frauenkirche Realität wurde, entsprach der neuen Bauordnung, die der neue Kurfürst König Friedrich August III erlassen hatte. Darin hieß es unter anderem, dass „künftighin bey allen neu aufzuführenden Palais und anderen Bauten ... dahin gesehen werde, dass an allen Stücken und Teilen des Gebäudes etwas Nobles, dabey aber doch an Schmuck und Zierraten nichts überflüssiges ... sich finde.“

Es lag aber nicht nur am Tode des Barockfürsten und anderer Dresdner Barockgrößen, die just in diesen Jahren starben (Dinglinger 1731, Permoser 1732 und Pöppelmann 1736), sondern auch am neuen Zeitgeist, der diese Veränderungen hervorbrachten. Der Geist der Aufklärung und damit die Hinwendung zum Diesseitigen, zur Natur, aus der man mittels des Verstandes Vernunft schöpfen konnte, bestimmte ihn ebenso wie die Antikenverehrung seit man in den Dreißigerjahren in der Nähe von Pompeji Ausgrabungen gemacht hatte. Dazu hatte auch der in Nöthnitz und Dresden lebende Gelehrte Johann Joachim Winkelmann beigetragen. Seine Beschäftigung mit dem Altertum führte zu vielbeachteten Publikationen und seine Formel von der „Edlen Einfalt und stillen Größe“ wurde zum Schlagwort dieser Zeit.

Das Gewandhaus wurde nach dem 7-jährigen Krieg 1768/70 vom Knöfel-Schüler Johann Friedrich Knöbel erbaut.Das Palais Hoym, ehemals zwischen Frauenkirche und jetzigem Polizeipräsidium gelegen, ist eines der Gebäude, das heute für den originalgetreuen Nachbau zur Debatte steht. Es ist ein ausgezeichnetes Beispiel für solches Bauen, das man in Bezug zum klassizistischem Baustil, der aber erst nach 1800 und dann vor allem in Berlin und Potsdam, aber auch in München auftrat, frühklassizistisch benannte.

Knöfel erbaute das – nach einem späteren Besitzer so genannte – Palais Hoym 1739 für den Bruder des Premierministers Graf Heinrich Brühl, für den Oberstallmeister J.A. Brühl. Das Brühlsche Wappen als Schmuck des Dreiecksgiebels erinnerte daran. Nach dessen Zerstörung im Siebenjährigen Krieg wurde es 1770 durch Krubsacius wiedererrichtet und zu einer Vierflügelanlage ausgebaut. Auch nach dem Wiederaufbau entsprach das Gebäude der Noblesse des Dresdner Frühklassizismus. Ein Mittelrisalit mit drei Fenster Front bekrönt mit dem Brühlschen Wappen und einem Balkon über dem Portal, war eigentlich Schmuck. Das entsprach ganz dem Theoretiker Krubsacius, der schrieb: „Ist es denn noth eine Sache mit lauter Hirngespinsten zu verzieren, mit Dingen, die in der Welt nicht zu finden sind ...“ und weiter: „Dass das Schöne in der Baukunst vornehm-lich in der Proportion bestehe, und dass ein Gebäude durch sie allein schön werde und sei ohne Zierraten.“

Diesem Grundsatz blieb er sich auch treu, als er 1774 das Landtagsgebäude errichtete. Getreu seines Notats: „Die Griechen untersuchten die Schönheit der Natur und ahmten sie in allen ihren Werken nach. Sie blieben „bey edler Einfalt, die überall das Natürliche zeigt.“ Das Portal der Vorderseite des Landhauses ist dann auch von einer Kolonnade dorischer Säulen geprägt und der Mittelrisalit von einer fünf Fenster Front, von einem fast schmucklosen – nur mit einer Blätterranke als Zier – Dreiecksgiebel gekrönt. Ein besonderes Merkmal frühklassizistischer Architektur sind die großen Fenster. Hinter dem praktischen Nutzen, mehr Helligkeit ins Haus zu bekommen stand die französische „Lumiere“, die Erleuchtung. So nannten die Franzosen die „Aufklärung“. Die plastischen horizontalen Mauerstreifen, die Lisenen dienten dazu, diese Fensterreihen noch hervorzuheben.

Der Delfin-Brunnen mit fünf spielenden Kindern im Ehrenhof des Coselpalais, 1764 von Gottfried Knöffler geschaffen.Besonders gut ist das am Gewandhaus, dem heutigen Hotel Radisson zu studieren. Ein Schüler Knöfels, Johann Friedrich Knöbel, hatte es nach dem Siebenjährigen Kriege 1768/70 als neues Rat- und Kaufhaus, eben Gewandhaus erbaut. Der einzige plastische Schmuck ist deshalb auch ein reich ausgeziertes Dresdner Stadtwappen, 1770 von dem Franzosen Piere Coudre geschaffen. Neben der Architektur spiegelten die Plastiken, die die Höfe schmückten, die Ideen der Aufklärung. Sie wurden „das natürliche Festgewand“ genannt. Krubsacius hatte die Rückwand des Vierseitenhofes auf der Landhausstraße 11 mit einem Brunnen von der Hand des Thomae-Schülers, Gottfried Knöffler gestalten lassen. Im Unterschied zum Barock sind es Kinder, keine baby-knuddeligen Putti, die mit dem Delfin spielen und mit der Natur nachgebildeten Muscheln hantieren. Vom Neptun blieben noch seine Attribute: ein Dreizack und ein Ruderholz, über einer Muschel gekreuzt.

Im Inneren des Gebäudes entfaltet sich ein Dekorationsstil, der Rokoko genannt wurde. In den weiß gehaltenen Sälen entrollte sich an der Decke ein goldenes Dekor aus muschelähnlichen Gebilden, im Französischen Rocaillen genannt. Aber auch das Austernschlürfen und nach solchen Völlereien das Fasten in sogenannten Ermitagen gehörte dazu. „Wir sind fünf und verzehren 200 Austern ...“ heißt es 1761 in einer Einladung der Prinzessin Amalie von Preußen.

Dies alles ist in einer Igeltour zu erleben, die leider nicht im Buch „Dresden-Rundgänge durch die Geschichte“ vertreten ist. Diese Tour, aus meiner Feder und von mir konzipiert, beginnt am Gewandhaus, führt über das Kurländer Palais zur Brühlschen Terrasse, zum Coselpalais, zum Johanneum (Verkehrsmuseum), über die Katholische Hofkirche zur Altstädter Wache (dem einzigen klassizistischen Bau Dresdens) und schließlich zum Taschenbergpalais, bei dem die Anbauten und die Knöffler’schen Brunnen von Interesse sind.

In der Zeit in der der Neumarkt real gestaltet wird und diese Architektur in spannungsvollen Beziehungen zur barocken und religiösen Ausstrahlung der wiedererstandenen Frauenkirche steht, hat eine solche Tour mit dieser Thematik an Aktualität sicher noch gewonnen.

1 Lisenen: pfeilerartiger Mauerstreifen

2 Risalit: Vorbau, Vorsprung